"Dieseits der Semperoper" Fröhlich-Verlag 1996

Kurzer Abriß: Rap in DD bis 12/'95
Die HipHop-Kultur vereint die Bereiche Graffiti, Breakdance, DJ-ing und Rap. In der DDR begann die "neue Modewelle" etwa im Jahre 1985, ausgelöst vor allem durch den Kultfilm "Beat Street" und natürlich beeinflußt von West-Teeniemedien. Dabei war das »Tal der Ahnungslosen« Dresden bis zum Herbst 1989 die HipHop-Hochburg.

Teil 1 - Back In Da Dayz...
Landesweit unumstrittenes Vorbild und Idol der Szene war der Dresdner Rapper und Musiker Alexander Morawitz, Schlagzeuger unter anderem bei den Bands Code M.D., Zweites Material und DekaDance. Als »electric b« setzte er mit seinem Rapstil wegweisende Maßstäbe und erntete trotz der unkommerziellen Machart seiner Musik ein beachtliches Medienecho. (Nicht zu verwechseln mit der namensähnlichen »Electric Beat Crew«, einem Medienhype, welcher von der "Szene" stets als Sellout gedisst wurde.) Als "T. J. Big Blaster and the Electric Boogie Crew" lud er seit Sommer 1987 zu Black-Music-Parties in die "Scheune". Mit Unterstützung von Musikerkollegen, Tänzern von »Quick Animation« und ständigen Überraschungs-Special Guests wandelten sich diese anfänglichen Geheimtips zum weithin begehrten Tanzvergnügen. Gemeinsam mit Peter Figas organisierte "electric b" den Rap-Workshop im Schloß Nickern und die beiden legendären "Rap Contests" 1988/89 in der Tonhalle Radebeul. Bei diesen Wettbewerben der nach Vorausscheid besten HipHop-Bands erschienen ca. 1000 Besucher pro Abend, die aus der ganzen Republik angereist kamen.
Ein Mastertape im Rucksack, hoffte der 24jährige "First Poet Of The Race" bei einem Londontrip 1990, seine Rap-eigenproduktionen bei Plattenlabels vertraglich unterzubringen - vergebens. Enttäuscht und desillusioniert stieg Alex Morawitz aus dem Unterhaltungsbiz aus und widmet sich heute völlig anderen Dingen. Sein origineller Rapstil ("Rockin' In Double Speed") mit der eigenartigen Musik bleibt nostalgische Erinnerung auf zwei Tapes und dem Soundtrack zum Zeichentrickfilm "Quick Animation" sowie seinem "My Neighborhood"-Videoclip.

Teil 2 - 1990 bis jetzt
Im Gegensatz zur Graffiti- und DJ-Szene, welche seit der »Wende« einen auch für Außenstehende merklichen Aufschwung erleben, hat sich die Sparte Rap in Dresden nicht viel weiterentwickelt. Seit den frühen Anfangstagen des Dresdner Breakdance und Electric Boogie in den Mittachzigern mixt und rappt »DJ Gambler« vor sich hin. Im Kinderzimmer begann Henry Kammler, heute 25, mit einfachsten Hometaping-Methoden, eigene Mix-Tracks zu produzieren und bei Parties oder auf der Prager Straße seine Tapes zu verkaufen. Gemeinsam mit »electric b« bildete der heutige Ethnostudent die Spitze des DDR-HipHop-Eisbergs, unterstützte ihn auch bei dessen Partyshows und Titelaufnahmen als DJ und Rapper. Zeitweilig Tänzer bei »Quick Animation«, konzentrierte er sich aber später auf's Musikmachen. Sein Slogan »Gambler's on the cut!« wurde Signal zum Abtanzen bei den After-Concert-Parties ebenso wie in der Black-Music-Sendung »Vibrationen« von DT 64. Um 1991/92 verstieg er sich zu spanischsprachigen Rapsongs und wandte sich mehr dem Reggae zu. DJ Gambler gilt als lebendes Old-School-Fossil der Szene, doch aufgrund seiner öffentlichen Zurückhaltung und »kreativen Funkstille« der letzten Jahre kennt ihn leider in der HipHop-Nachwuchsgeneration niemand mehr.

Die seit acht Jahren in Urbesetzung bestehende HipHop-Band »Three M Men«, drei nunmehr 25jährige Rapper mit stets wechselnden Begleitmusikern, lassen alle Jubeljahre mal aufhorchen. Jeder neue der Faulheit abgetrotzte Titel wird von einem unangemessen fetten Promotionrummel begleitet, denn die »Three M Men« sind beruflich allesamt in der Werbebranche tätig... Die bisher letzte Veröffentlichung des Trios ist auf der CD »bleached - 10 Dresdner Bands spielen Nirvana« vom April '95 zu hören. »Pennyroyal Tea« ist ein halbherzig aufgenommener und grausig abgemischter Anti-Grunge-Track, ironischerweise auf einem Tribute-to-Kurt-Cobain-Sampler.

Wahrhaft releasefreudig dagegen ist der erste hiesige MC, der ausschließlich auf deutsch reimt. »King Krell« (20 Jahre) war bisher selten live zu erleben, sondern stellt seine neuen Titel eher in der »ColoRadio HipHop Show« vor. Mit seinen Songs in sächsischer Mundart ist der vormals als »Krellhund« firmierende Gorbitzer bereits auf einem britischen Rapsampler und der 2. Dessauer »Pioniermanöver«-Compilation vertreten. Stefan Krell kooperiert für das Scratching mit dem Prohliser DJ Thomas Heil (25) von »Studio 17« und dem Soundtüftler für Beats und Samples Stephan Marche (21) aus Pappritz.
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