DynaMike: Rap in der DDR

Über den Autor:
DynaMike, ein Mitglied des 1987 gegründeten DDR-HipHop-Trios "Three M-Men", wurde 1970 in Berlin-Mitte geboren und lebt seit 1977 in Dresden. In Görlitz machte er noch zu DDR-Zeiten (1987 - 1989) eine Lehre als Gebrauchswerber (Spezialisierungsrichtung Werbemittelhersteller), absolvierte anschließend bis November 1990 sowohl bei der Nationalen Volksarmee der DDR als auch bei der Bundeswehr seinen Wehrdienst, arbeitete danach als Schauwerbegestalter und bildete sich weiter zum Multimediafachmann.
Heute unterstützt DynaMike mit aller Kraft die Dresdner Musik-Szene, wirkt bei Projekten wie "Bläm! Blam?", "Autos mit Ohren" und "Da Skyplumz" mit und arbeitet unter anderem für Goldrausch Musikproduktion. Er selbst gehörte Ende der Achtziger zu den Teilnehmern der ersten "Rap-Contests" in der DDR. Auch DynaMike wurde durch den Film "Beat Street" für den HipHop begeistert und nahm damals mit einem Kassettenrekorder den Filmton im Kino auf.

Im nun folgenden Interview haben die Herausgeber des Buches die Fragen nicht mitgedruckt... - mitdenken!

Wir haben damals 1987 in Dresden den Electric B (bürgerlich: Alexander Morawitz) kennengelernt. Das war derjenige, der später mit dem Peter Figas die legendären HipHop-Veranstaltungen in Radebeul organisiert hat. Der hat auch die "Scheune"-Parties gemacht, wo z. B. auch "Downtown Lyrics" aus Berlin aufgetreten sind. Die "Scheune" war ein großer Jugendclub in der Dresdner Neustadt. Electric B wohnte auch auf der Freiberger Straße - nur ein Haus weiter von Micha, einem der Three M Men.

Marian Meinhardt, Michael Kral und ich - die "Three M Men" - fanden damals Beastie Boys und Run D. M. C. richtig geil. Wir haben uns 1987 in Görlitz bei der Lehre zum Gebrauchswerber kennengelernt und früh angefangen, T-Shirts, Transparente und Logos zu kreieren. Unsere Aufkleber klebten überall - und das, bevor wir überhaupt begonnen hatten, Musik zu machen. Dann haben wir 1988 auch zwei oder drei Titel mit einer Dresdner Metal-Band namens "Detonator" geprobt. Unseren ersten Auftritt hatten wir auf dem ersten "Rap-Contest" 1988 in Radebeul. Dabei haben wir unsere ganzen Transparente und Plakate ans von uns eingeladene Publikum verschenkt, und waren dadurch einziger Act mit erkennbaren Fans - obwohl wir zuvor noch nie live Musik gemacht haben. Unser zweiter großer Auftritt war ein Jahr später auf dem zweiten "Rap-Contest" 1989 in Radebeul. Nach einem Auftritt bei einem "Breakdance-Workshop" etwa im Spätsommer 1989 in Leipzig kam für mich die Armeezeit, und bis zur Wende hatte sich die Three M-Men-Sache eigentlich erledigt. 1992 haben wir noch mal angefangen und ein paar Auftritte gemacht, darunter 1993 live in der "Lederfabrik" zur »Bunten Republik Neustadt« sowie 1995 im "Panzerhof" bei der zweitägigen Veröffentlichungsparty eines Samplers, auf dem Dresdner Bands Songs von Nirvana nachspielten. Das Projekt hieß »Bleached«, auf der CD dazu ist der Track "Pennyroyal Tea" von uns. 1999 haben wir auch erstmals ein paar Titel mit deutschen Texten produziert und auf dem allerersten kostenlosen Tape der 5ünf Neuen Länder "Fett auf Stuhl" (Auflage: 500 Exemplare) veröffentlicht.

Wir haben auch jede Woche auf "Jugendradio DT 64" Lutz Schramms "Vibrationen" gehört und mitgeschnitten, das war unser Medium. Meine erste HipHop-Party mit Electric B in der "Scheune" war am 24. Dezember 1987. Am gleichen Heilig Abend hatte mich jemand angerufen und mir gesagt, daß da etwas stattfinden wird. Electric B hat auf der Bühne gerappt, seine Vinylscheiben und Tonbänder dabei gehabt und damit gescratcht. Der hat eine richtig geile Show gemacht, die Bühne war schwarz, und man hat nur die weißen Handschuhe gesehen. Es waren auch ein paar Musiker von "DekaDance" da, wo Alex früher Schlagzeuger war. Ein anderer Typ von dieser Gruppe hatte auch Human Beatbox probiert.

Für die "Rap-Contests" in Radebeul gab es dann sogar Plakate an Litfaß-Säulen, das ist schon gut propagiert worden. Es kamen ca. 1.000 Leute, davon um die achthundert Zahlende. Jeder konnte noch ein paar Leute mit hereinnehmen. Der Veranstalter selber, der Peter Figas-Stolp, war damals auch Veranstalter beim »Jugendclub X. Weltfestspiele« in Radebeul und hat das alles mit Alex Morawitz zusammen organisiert. Diese Turnhalle ("Tonhalle") war von vorn bis hinten mit Menschen gefüllt. Teilweise fanden wir die anderen Gruppen, die in Radebeul auftraten, dilettantisch - über andere haben wir gestaunt. Alle hatten unterschiedliche Stile - das einzige Verbindende war, daß die Leute Sprechgesang gemacht haben. Es gab sehr viel Human Beat Box, da niemand großartige Möglichkeiten hatte, Beats zu produzieren. Entweder wurde über zusammengeschnittene Instrumentals gerappt, oder sie haben Human Beatbox gemacht. Faszinierend war die neue Kultur, bei Techno war das später sicherlich ähnlich. Der Altersdurchschnitt war ungefähr 18 Jahre. Als Alex Morawitz ("Electric B") 1990 mit 24 Jahren aufgehört hat, war er mit Abstand der Älteste. Zu ihm haben wir aufgeschaut, da er schon so alt war.

"G.I." (René Röder) von der Berliner Gruppe "Down Town Lyrics" hat etwa 1992 im "SWAT-Inzine" (Mag der Berliner SWAT-Posse) auch eine Art "History des HipHop in der DDR" geschrieben. Für "The Flying Revolverblatt", das HipHop-Magazin "Boomy" und das Dresdner Teenie-Monatsmag »Überfall« habe ich auch gelegentlich ein bißchen zum Thema HipHop geschrieben.

SBJ aus Arnstadt haben auf einer Mundharmonika »Muß i denn zum Städtele hinaus« gespielt und darüber gerappt. Bei einem Vorausscheid für den zweiten Contest - dem Rap-Workshop im Schloß Nickern - erschienen zwei Typen aus Thüringen in Jeans-Jacken, Lederwesten mit einem Haufen Heavy-Metal-Aufnähern hinten drauf. Die haben auf AC/DC-lnstrumentals gerappt. Und East Side Attack (später "Down Town Lyrics") haben wir bestaunt, die waren richtig gut. Die haben allerdings auch viel gemaustes Zeug gemacht, z. B. das gesamte Intro der zweiten Public Enemy-Platte eingespielt. Die dunkle Bühne wurde immer heller, und plötzlich waren sie da. Das war schon beeindruckend. Wer das Intro nicht kannte, war hin und weg davon. Doch für mich war Electric B der Beeindruckendste. Der hat sich mit seiner klassischen musikalischen Ausbildung auch noch ans Klavier gesetzt und da gerappt. Bürger Lars Dietrich von den "PDM-Teenie Rappers" hat damals auch auf Deutsch gerappt, was damals ganz selten war. Die Leute sind darauf abgefahren, es hat allen gefallen. Der rannte rum wie Afrika Bambaataa und Soul Sonic Force, hatte ganz schräges Zeug an: Fellweste, ganz eigenartig zusammengewürfeltes Zeug - nach HipHop sah das nicht aus. Wir hatten alle Jogginganzüge an - das war damals HipHop - ich hatte einen Anzug aus dem Westen. Wir sind alle in Jogging-Anzügen auf die Bühne gegangen. Die Leute haben alles gefeiert; es war so wild, daß es keine klaren Richtlinien gab, von wegen: "Das ist Rap und das nicht". Man konnte alles machen. Beim zweiten Contest gab es jedoch eine Vorauswahl im Jugendklub "Sekte" in Radebeul, während beim ersten jeder auf die Bühne gehen konnte. Da wurde vor dem Auftritt der ersten Band noch aufgerufen, daß, wenn wer etwas live machen möchte, das auch machen kann und sich beim Veranstalter melden soll. Doch qualitativ habe ich zwischen erstem und zweitem Wettbewerb keine Unterschiede bemerkt.
Das Faszinierende für die Leute war sicherlich die Einfachheit. Man mußte nichts können. Man mußte nicht singen können und konnte irgendwelche Instrumentals nehmen und ein paar Zeilen schreiben. Es wurde damals auch viel gemaust. Ich habe öfter Leute wie "BCR" ("Beatclub 99" aus Hoyerswerda und Cottbus) gesehen, die Texte von Ice T oder Public Enemy gerappt haben. Die Texte waren auf den Platten abgedruckt, das haben die auswendig gelernt. Wer sich nicht so intensiv damit beschäftigt hat, hat das natürlich auch nicht bemerkt. Man hat denen keinen Vorwurf gemacht, sondern maximal Hinweise gegeben, wie etwas richtig ausgesprochen wird. Darum ging es gar nicht. Wir fanden nur einfach alles geil.
Dann gab es noch die Berliner Band "B.R.O.N.X". Das waren wohl irgendwelche Truppenteile von "Feeling B", die die Beastie Boys cool fanden und z. B. in der Dresdner "Scheune" Songs von denen und L.L. Cool J nachgespielt haben. Wir fanden es klasse, daß jemand das live mit Gitarren und Schlagzeug auf der Bühne macht.

Electric B hat versucht, eine "Universal HipHop Family" ins Leben zu rufen, das sollte ein lockerer Verbund à la "Zulu Nation" von allen sein. Die Idee habe ich auch von anderen gehört. Er hatte das auch bei Lutz Schramms Radiosendung "Vibrationen" propagiert. Ich hatte "Universal HipHop Family" auch bei Typen auf der Mütze gelesen, die sich das so draufgemalt haben. Ein paar haben das richtig ernst genommen, andere haben es einfach gemacht, ohne großartig darüber nachzudenken. Inwiefern das richtig Hardcore HipHop sein sollte, war jedem selbst überlassen.

Ich hatte damals ein monatliches Lehrlingsgeld von 108 Ost-Mark, als Unteroffiziersschüler bei der NVA dann 625 Mark Sold. Im Sommer 1988 oder '89 bin ich nach Budapest gefahren und habe vier Platten für insgesamt 480 Mark gekauft. Jede Platte hat 120 Ost-Mark gekostet. Dann war das Budget so ziemlich alle. Das waren Tone Loc "Loced After Dark", De La Soul "3 Feet High And Rising", die zweite Beastie Boys LP ("Paul's Boutique") und "Raising Hell" von Run D. M. C. Im Intershop gab es auch die Fat-Boys-LP >>Coming Back Hard Again«.

Es ging einfach nur um Rap und nicht darum, was oder wer gut ist. Wenn bei Disco-Pop-Titeln wie von "CC Catch" jemand gerappt hat, haben wir uns die Stellen herausgeschnitten und in unsere eigenen Mixe mit hineingemischt. Nicki, eine Schlagersängerin aus Bayern, hatte ein gutes Intro. Das klang wie Black Music. Wir haben dann das Intro aneinandergeschnitten. Wir haben damals viel mit zwei Kassettenrekordern hin- und hergemixt. Wir haben immer ewiglange Megamixe gemacht. Auf "SFB 2" liefen damals immer die "DJ-Paco"-Mixe, die gingen immer 20 bis 40 Minuten. Es gab auch Typen, die kaum etwas mit HipHop zu schaffen hatten, aber zum Beispiel mit Tasten für die Modelleisenbahn, womit man eigentlich die Weichen und Signale der Eisenbahn gestellt hat, Musik gemacht haben. Wenn man das verstärkt hat, klang das so: "Pläng, Plong, Plüp". Wir sind dann zu so einem Typen, einem ehemlaigen Klasenkameraden von mir, hin und haben gesagt: »Ey, wir haben eine Band. Können wir das Teil haben?« Der hatte Transformatoren und alle möglichen Geräte, mit denen man Geräusche machen konnte. Das hatte er aus irgendwelchen "Funkamateur"-Zeitschriften, irgendwelche Hobby-Elektroniker haben Schaltpläne nachgebaut. Das nannte sich dann Synthesizer. Mein Vater als Funkmechaniker hat mir ein kleines Vierspur-Mischpult gebaut. Da konnte man einen Plattenspieler und zwei Kassettenrekorder hineinstecken, und man hatte auch einen Ausgang. Dann wurde irgendwie gescratcht und aufgenommen.

Es gab auch "Breakdance-Workshops" in der DDR. Wir haben mal einen was für eine Görlitzer B-Boy-Crew gemacht, die hießen "Ronny's Breaksystem". Die haben gesagt, daß sie besser bewertet werden würden, wenn sie mit Live Acts antreten würden. Also haben wir ein paar Instrumentals von Young MC und solchen Kram zusammengeschnippelt und dazu gerappt. Die haben dazu gebreakt. Das war etwa im Juli oder August 1989 in Leipzig.
Im September 1989 bin ich zur NVA eingezogen worden, da war dann alles vorbei mit "Mugge machen".

Beim Breakdance sehe ich die Entwicklung nicht. Ich sehe die Leute zwar tanzen und bestaune die körperlichen Fähigkeiten, aber ansonsten hatte und habe ich damit nicht viel am Hut. Auch bei Graffiti-Malern habe ich nur zugeschaut. Bei uns in der Lehrwerkstatt gab es Sprühdosen (nur Grün, Blau und Braun), mit denen wir draußen "Beastie Boys" und "Fat Boys" an Wände gesprüht haben. Einer von uns, der Micha, hatte Leinwände mit dem Pinsel bemalt, die dann auch bei den "Rap-Contests" in der Radebeuler Turnhalle aushingen. Viele Leute hatten sich auch mit Pinseln die Jacken und Mützen bemalt. Die Breaker haben ihre Figuren getanzt, aber ich habe immer nur darauf gewartet, daß Electric B auf die Bühne kam.

Viel mehr als 1.000 Leute wird es in der DDR wohl nicht gegeben haben, die sich für HipHop begeistern konnten. Fast jeder, der zu den "Rap-Contests" gekommen ist, war auch selbst irgendwie aktiv. Es waren selten Leute auf HipHop-Partys, die selbst nichts gemacht haben, die weder getanzt, noch gesprüht, noch gerappt, sondern nur konsumiert haben.

Leute, die ausgereist sind, haben aus dem Westen auch hin und wieder Magazine wie "Spex" und diverse Fanzines (wie "In Full Effect", "Straight On") geschickt. Der eine berühmte Artikel in der britischen Black-Music-Zeitschrift "Soul Underground" stammte von einem Jens Weidmann (?) aus Jena, mit dem auch wir Briefkontakt hatten. Für den war, wie für Lutz Schramm, HipHop etwas Neues und Schräges, worüber berichtet werden mußte, ohne jetzt gleich selbst HipHopper zu sein. Der hat den Artikel über den ersten "Rap-Contest" geschrieben, an die "Soul Underground" in England geschickt - und die haben das abgedruckt: mit 'ner Illustration eines Typen, der eine Harmonika auseinanderzieht, dahinter haben die die Kreml-Mauer gezeichnet... - für die war alles Osten, alles Rußland.

Von damals aktiv "übrig geblieben" sind bis heute nur wenige Leute. Da wären zum Beispiel Waffel (Torsten Krüger alias Poise) oder DJ Gambler (Henry Kammler), der jetzt in Frankfurt am Main wohnt und dort in einem Völkerkunde-Museum herumhängt (Job). Es gab zwei SBJs: Der eine aus Arnstadt hatte damals ein Mädel mit am Start, von der ich 1994 eine CD ("Sprity K") bekommen habe, die von ihm produziert war. Als Electric B während der Wende die Möglichkeit hatte, wegzufahren, ist er gleich nach England gefahren und wollte das, was er gemacht hatte, irgendwie herausbringen. Er war dann aber so enttäuscht vom Musik-Business, daß er dann damit aufgehört hat. Es wurde ihm gesagt, daß er seine Stimme dort abliefern kann, sie die Mucke dazu machen würden, und wann das jemals rauskommen würde, würde alles in deren Verantwortung liegen. Sonst hätte er dort nichts weiter zu bestimmen gehabt. Er hat dort auch KRS One live gesehen und fand es so schlecht - der stand nur auf der Bühne und hat keine richtige Show gemacht. Electric B hatte irgendwelche Idealvorstellungen und wurde völlig enttäuscht. Er wollte Rap mit Botschaft machen. In die seitenlangen, englischen Texten floß wirklich viel Sozialkritik mit ein. Gabor Steisinger ("El Unico"), einer der ersten Sprüher aus Dresden, macht jetzt Zeichentrickfilme in den USA. Ansonsten sind von den alten Leuten nur sehr wenige aktiv geblieben (z. B. Ronald Potratz, Breakdancer und DJ).

Im Buch folgt anschließend an dieses Interview, zu dem der Leser die Fragen selbst erahnen muß, die Übernahme von DynaMikes Beitrag aus "Wir wollen immer artig sein - Punk, Wave, HipHop, Independet-Szene in der DDR 1980 bis 1990"
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